Erfahrungen einer Tuberkulosepatientin…aus der Heimat

Der heutige Blog-Eintrag ist die Geschichte einer Tuberkulosepatientin, die großzügigerweise ihre Erfahrung mit uns geteilt hat, um uns bei unserer Öffentlichkeitsarbeit zu helfen und das allgemeine Bewusstsein über die Tuberkulose zu stärken.

Gleichzeitig stellt unsere Patientin das perfekte Beispiel dar, aus welchem Grund man die Tuberkulose nicht in Vergessenheit geraten lassen sollte. Diese Geschichte handelt nämlich nicht von einer alten Dame, die in den 60er erkrankt war, einer Einwanderin, die die Infektion aus ihrer Heimat mitgebracht hatte oder einer Obdachlosen, der die finanziellen Mittel oder schulische Ausbildung fehlte, um sich effektiv zu schützen oder behandeln zu lassen. Sie beschreibt die Erfahrung einer 19 Jahre jungen Frau, die letztes Jahr mitten während ihres Abiturs die Erkrankung durchleben und die medizinischen und sozialen Problem der Tuberkulose durchleiden musste.

Glücklicherweise hat sie die Krankheit heil überstanden und sich entschieden unsere Öffentlichkeitsarbeit zu unterstützen. Ich hoffe sie lassen sich, wie auch wir, von der Geschichte und Patientin dazu inspirieren, weiterhin auf die Tuberkulose aufmerksam zu machen.

Angefangen hat es Ende 2011. Ich besuchte die 13. Klasse und wollte mein Abitur machen. Wie jedes Jahr, seitdem ich als Kind Bronchitis hatte, kam mit dem Winter der Husten. Es war bei mir nicht ungewöhnlich, dass dieser länger anhielt. Daher machte ich mir dahingehend auch keine Sorgen. Erst als ich am 21. Dezember in der Schule erstmals einen Migräneanfall mit Aura bekam (ich wusste damals noch nicht, dass es Migräne war) begann ich, mir Sorgen zu machen. Ich suchte umgehend meinen Arzt auf, der mich an einen Neurologen und an die Radiologie verwies. Die Ärzte stellten zu meiner Erleichterung fest, dass ich gesund war und vermuteten als Ursache Stress.

Daher nahm ich mir vor, mehr Sport zu machen, um Stress abzubauen. Doch es ging nicht. Ich fühlte mich einfach matt. Ich hatte keinen Appetit mehr, verlor an Gewicht (insgesamt rund 10 Kilo) und fühlte mich erschöpft. Im Januar suchte ich erneut einen Arzt auf, da die Symptome immer noch vorhanden waren und Schmerzen im Rücken hinzu kamen, bei denen ich einen Zusammenhang mit der Lunge vermutete. Es wurde ein Blutbild erstellt und ein Lungenfunktionstest durchgeführt, beides unauffällig. Immer wieder stellte ich mir die Frage, warum ich mich so erschöpft fühlte. Liegt es am Schulstress? Bin ich krank? Was ist los mit mir? Warum findet der Arzt keine Erklärung dafür? Diese Gedanken beschäftigten mich fast durchgehend. Nach mehreren Arztbesuchen, die keine Erklärung brachten, war ich am Verzweifeln.

Ich wusste, dass mit mir etwas nicht stimmt. Ich recherchierte im Internet und kam auf furchtbare Krankheiten. Ich hatte Angst, Angst zu leiden, Angst zu sterben. Die Ungewissheit brachte mich beinahe um den Verstand. Es wurde immer schlimmer. Alles was ich wollte war schlafen – und manchmal wünschte ich mir, gar nicht mehr aufzuwachen.

Es war der 27.04.2012. Ich war wie immer in der Schule, fühlte mich matt und musste mich zu jedem Schritt zwingen. Ich hatte einfach keine Kraft mehr, sowohl körperlich als auch psychisch. Auf Drängen meines Freundes suchte ich an diesem Tag nochmals meinen Arzt auf. Dieser untersuchte mich und ordnete erneut eine Blutabnahme an. Nachdem ich meine Blutwerte schwarz auf weiß in Händen hielt, hatte ich richtig Angst und ich stellte mich auf eine schlimme Diagnose ein. Die zwei Tage bis zum Termin beim Internisten fühlten sich seltsam an. Ich war so ruhig und hatte innerlich mit meinem Leben abgeschlossen. Als der Internist am

04.05.2012 die Diagnose Lungentuberkulose stellte, war ich erleichtert, denn ich hatte wieder Hoffnung, da die Tuberkulose heilbar ist. Aber ich wusste nicht, was passiert. Ich kam am gleichen Tag in eine Fachklinik.

Es fühlte sich alles so unrealistisch an, als würde man nur träumen und gleich geweckt werden. Zu Beginn des Klinikaufenthaltes habe ich viel geweint und wollte nur nachhause. Doch mit der Zeit ging es mir wieder besser. Manchmal fühlte ich mich wie im falschen Film, aber meine Familie und mein Glaube gaben mir Kraft. In der Klinik lernte ich wieder zu leben, das Leben zu genießen, dachte wieder an die Zukunft, konnte mich wieder über die kleinen Dinge des Lebens freuen. Nach dem vierwöchigen Aufenthalt in der Klinik war ich immer noch ansteckend, wurde aber unter der Bedingung, eine Maske zu tragen, entlassen. Der Tag der Entlassung war wie ein Start in ein neues Leben. Ich war so froh, wieder daheim zu sein und zu leben. Doch manchmal überkam mich wieder die Angst, denn jede Woche wurde eine mikroskopische Untersuchung vorgenommen und ich wartete jede Woche darauf, dass die Untersuchung negativ war, aber ich war relativ lange (bis Anfang

August) ansteckend und so wurde die Einnahme von Pyrafat um einen Monat verlängert. Nach ein paar Wochen zuhause konnte ich kaum mehr gehen. Meine Gelenke schmerzten bei jeder Bewegung. Sowohl mein Lungenarzt als auch Rheumatologe wussten nicht, woher dies kam. Erst nach Absetzen des Medikamentes Pyrafat stellten sich die Beschwerden ein. Im August erhielt ich dann die ersehnte Nachricht, dass die Kultur negativ und ich nicht mehr ansteckend war. Ich war (und bin es immer noch) so dankbar wieder gesund zu sein.

Die Reaktionen auf meine Tuberkuloseerkrankung waren ganz unterschiedlich und reichten von Verharmlosen der Krankheit über Mitgefühl und Entsetzen bis hin zu Abbruch des Kontaktes. Es war eine Erfahrung, die mich geprägt hat und mir ist bewusst geworden, dass die (körperliche und seelische) Gesundheit das Wichtigste im Leben ist und man das Beste aus seinem Leben machen sollte. Im September holte ich mein Abitur erfolgreich nach und habe eine Ausbildung begonnen. Aufgrund meines Glaubens bin ich überzeugt, dass meine Tuberkuloseerkrankung einen Sinn hat. In der Klinik bin ich auf einen Spruch gestoßen, den ich sehr passend finde: Man kann das Leben nur rückwärts verstehen, aber man muss es vorwärts leben.

 

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